Gefühle begleiten uns den ganzen Tag und im Traum sogar in der Nacht.  Sie geben uns Hinweise, wie wir uns verhalten sollen, aber sie können uns auch in die Irre führen. Manchmal verderben sie uns die Laune, ohne dass wir konkret wissen, was dahinter steckt.

Die primären Emotionen wie Hunger, Durst, Angst, Temperaturempfinden usw. dienen dazu, unser Überleben zu sichern. Sie sind nicht steuerbar. Diese körperlichen Reaktionsmuster werden mitunter  in Sekundenbruchteilen ausgelöst (sogenannter Affekt). In Zeiten des Höhlenmenschen konnte  bei existenziellen Gefahren das Leben von derartig schnellen Reaktionen abhängen – heute kann man seine Kündigung oder das Ende einer Beziehung damit unmittelbar herbeiführen. Es sei denn, man lernt seine Emotionen schon in einem frühen Stadium wahrzunehmen und impulsives Handeln zu regulieren.

Beispiel: Franz ist ein gewalttätiger Ehemann. Er hat nicht gelernt, Frustration und Wut frühzeitig wahrzunehmen und mit seiner Partnerin über die Ursachen zu sprechen, um einen heraufziehenden Konflikt zu entschärfen. Wenn der innere Druck überhand nimmt, explodiert er und greift zu einem archaischen Mittel der Frustbewältigung: Er schlägt zu. In seiner Kindheit war er selber Opfer von Gewalt. Seine Bezugspersonen haben ihm nicht gezeigt, wie er mit Gefühlen wie Wut und Frust kanalisierend umgehen kann. Er hat gelernt, diesen negativen Gefühlen freien Lauf zu lassen und ist ihnen somit ausgeliefert.

Die (sekundären) Gefühle entstehen, wenn ein (tatsächliches oder phantasiertes) Ereignis und die dazugehörige Emotion psychisch verarbeitet werden. Dies geschieht im Unterbewusstsein. Wir können Gefühle nicht unterbinden und wir leiden, wenn wir uns für sie schämen oder sie verdrängen. Wir können sie auch nicht festhalten – weder die guten noch die unangenehmen. Wenn wir Gefühle zunächst mal akzeptieren, fällt es uns mit der Zeit leichter, sie als wichtige Botschafter und als Erkenntnishilfe zu nutzen, um eine Situation richtig einzuschätzen. Diese Fähigkeit wird „emotionale Bewusstheit“ genannt.

Voraussetzung ist, dass wir gelernt haben, Gefühle wahrzunehmen und zu beschreiben. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn im Erziehungs- und Ausbildungssystem Gefühlen wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, werden sie dadurch tendenziell abgewertet (z.B. „Jungs weinen nicht“, „Stell Dich doch nicht so an“). Der Heranwachsende lernt, die unerwünschten Gefühle zu verdrängen. Er wird später keine Worte finden, um diese Empfindungen zu beschreiben und mit ihnen umgehen zu können. Manche Gefühle sind in der Familie möglicherweise schlichtweg nicht erlaubt. Sie werden dann durch Ersatzgefühle kompensiert.

Beispiel: Robert wuchs in einer Familie auf, in der Streiten nicht erlaubt war, wohl aber Weinen.  Infolgedessen hat er Gefühle wie Wut und Ärger frühzeitig  unterdrücken gelernt und weiß nun als Erwachsener nicht, wie er sie ausdrücken oder regulieren kann. Das erlaubte Ersatzgefühl – Traurig sein – tritt an die Stelle. Bei Supervisionssitzungen mit seinen Kollegen fängt er daher regelmäßig an zu weinen, wenn er eine Situation zu schildern versucht, in der er eigentlich Ärger empfunden hat. Da er das eigentliche Gefühl – den Ärger –  nicht benennen kann, gelingt es ihm nicht, Lösungen in der kollegialen Zusammenarbeit zu entwickeln, um die für ihn ärgerliche Situation positiv zu verändern.

Die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen ( = Achtsamkeit) erlaubt es, mit der Zeit ihre Bedeutung für die eigene Leistungs- und Entscheidungsfähigkeit, für Kreativität, Gesundheit und kompetenten Umgang mit Menschen zu erkennen und konstruktiv zu nutzen. Wir entwickeln auf diese Weise eine soziale Kompetenz.

Denn: Ein Mensch wird  seine Fähigkeiten nur dann optimal nutzen oder einbringen, wenn er dabei ein gutes Gefühl hat – und wenn er ein „gutes Gefühl“ als Entscheidungshilfe anerkennt.

  1. Übung: Führen Sie ein paar Tage lang ein Gefühlstagebuch. Halten Sie dazu täglich ab und an inne und spüren Sie in sich hinein: Welche Empfindungen nehmen Sie wahr? Beurteilen Sie das Gefühl nicht, sondern benennen sie es nur, z.B.: Da ist Langeweile. Da ist Vorfreude. Da ist Müdigkeit. Erlauben Sie dem Gefühl, einfach da zu sein. Schulen Sie damit Ihre Wahrnehmung – Ihre Achtsamkeit.
  2. Übung: Notieren Sie sich nun in Ihrem Gefühlstagebuch zusätzlich, in welcher Situation das Gefühl aufgetreten ist und wo im Körper Sie es gespürt haben.
  3. Übung: Notieren Sie sich zusätzlich, ob Sie dieses Gefühl als positiv, neutral oder negativ empfinden. Erlauben Sie dem Gefühl, einfach da zu sein.
  4. Übung: Spüren Sie nach, ob das Gefühl lange dableibt oder schnell verschwindet. Möglicherweise werden Sie bemerken, welche Handlung oder Situation gut geeignet ist, um ein negatives Gefühl zum Abklingen zu bringen.
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